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Wer war Hildegard von Bingen?

Hildegard wurde 1098 in Bermersheim bei Alzey in Rheinhessen geboren. Sie war das letzte von zehn Kindern, und da im Mittelalter der „Zehnte" als Abgabe eine Rolle spielte, wurde Hildegard von ihren Eltern sozusagen als „Zehnt" dem lieben Gott übergeben.

Im Alter von acht Jahren wurde sie einer Klausnerin zur Ausbildung übergeben, der Gräfin Jutta von Sponheim, die auf dem Disibodenberg einige Schülerinnen im Lesen und Schreiben, im Singen der Psalmen, in Handarbeit und Musik unterrichtete. Diese Klause der Gräfin entwickelte sich zu einem Benediktinerinnenkloster, und nach dem Tod der Gräfin wurde Hildegard einstimmig zur Aebtissin gewählt. Elf Jahre später wurde das Kloster auf den Rupertsberg bei Bingen verlegt.

Schon im Kindesalter machte sich bei Hildegard die Gabe der geistigen Schau bemerkbar, welche sich bald zu visionären Fähigkeiten entwickelte, die jedoch nie ekstatische Züge annahm. Auch empfing sie ihre Schauungen stets im Wachen und bei vollem Bewusstsein.

Als Wibert von Gembloux Hildegard um eine ausführliche Beschreibung ihres geistigen Schauens bat, gab die Seherin vom Rhein' dem Mönch die folgende Auskunft:

„Ich sehe diese Dinge nicht mit den äusseren Augen und höre sie nicht mit den äusseren Ohren, ich sehe sie vielmehr einzig mit meiner Seele, mit offenen leiblichen Augen, so dass ich niemals die Bewusstlosigkeit einer Ekstase erleide, sondern wachend schaue ich dies bei Tag und Nacht. Das Licht, das ich schaue, ist nicht an den Raum gebunden. Es ist viel, viel lichter als eine Wolke, die die Sonne in sich trägt. Weder Höhe noch Länge noch Breite vermag ich an ihm zu erkennen. Es wird mir als der Schatten des lebendigen Lichtes (umbra lucis viventis) bezeichnet. In diesem Lichte sehe ich zuweilen, aber nicht oft, ein anderes Licht, das mir das lebendige Licht (lux vivens) genannt wird. Wann und wie ich es schaue, kann ich nicht sagen...."

Ein plötzliches Ereignis der Uebernatur brachte Hildegard in ihrem bisher völlig abgeschiedenen Dasein eine neue Mission. Wie ein Blitz vom Himmel brach Gott in ihr Leben ein. Sie beschreibt dieses mystische Erlebnis wie folgt: „Im Jahre 1141, als ich 42 Jahre und sieben Monate alt war, kam ein feuriges Licht mit Blitzesleuten vom offenen Himmel nieder. Es durchströmte mein Hirn und durchglühte mein Herz und Brust gleich einer Flamme, die jedoch nicht brannte, sondern wärmte wie die Sonne den Gegenstand über den sie ihre Strahlen ausgiesst. Nun war mir plötzlich der Sinn der Schriften erschlossen, der Psalmen, des Evangeliums und der übrigen Bücher des Alten und Neuen Bundes."

Die Seherin sollte zur Prophetin werden und erhielt von Gott einen konkreten Auftrag: „Schreib, was du siehst und hörst! Tu kund die Wunder, die du erfahren! Schreibe sie auf und sprich!"

Hildegard erschrak zutiefst und wollte sich scheu zurückhalten. Plötzlich wurde sie schwer krank und lag hilflos im Krankenbett: sie war wie gelähmt. Und erst als sie anfing zu schreiben, wurde sie wieder gesund. Nun erkannte sie Gottes Willen und schrieb in den folgenden zehn Jahren ihr erstes Werk «Scivias - Wisse die Wege». In einer gewaltigen Schau werden die Dimensionen und Hintergründe der Schöpfung und der Erlösung aufgerollt.

Nun trat ein Ereignis ein, das sie ins Rampenlicht der Weltöffentlichkeit stellte: Vom 30. November 1147 bis zum 13. Februar 1148 fand in Trier eine Synode statt, an welcher Papst Eugen III. vor versammelten Kardinälen, Bischöfen und Theologen persönlich aus «Scivias», dem Buch Hildegards, vorlas, nachdem er durch eine Kommission die Sehergabe Hildegards hatte prüfen lassen. Der Papst bestätigte die Sehergabe und damit hatte Hildegard die kirchliche Anerkennung gefunden und mit einem Schlag war sie im ganzen Abendland berühmt. Nun entstanden auf dem Rupertsberg unvergängliche Werke: «Das Buch vom verdienstlichen Leben», eine Art Lebenskunde, in dem die Vergeltung der guten und der bösen Werke beschrieben wird. Dann entstand das «Buch von den göttlichen Werken», eine Art Theologie des Kosmos. Ihre Dichtungen und Gesänge, Mysterienspiele und Heiligenlegenden sowie ihre naturwissenschaftlichen und medizinischen Schriften sind von unschätzbarem Wert.

Der Rupertsberg wurde zum Sprechzimmer Europas: wie von einem Magnet angezogen, kamen Tausende und holten Rat bei Hildegard, Bischöfe und Päpste, Kaiser wie auch Könige nicht ausgenommen. Unerschrocken redete sie Papst Anastasius IV. ins Gewissen. In Ingelheim trat sie mit dem gefürchteten Kaiser Barbarossa zusammen. Die Liebe zur Kirche, der Eifer für das Reich Gottes glühte in dieser Frau. Um die vielen Nonnen unterzubringen, gründete sie in Eibigen oberhalb Rüdesheim ein zweites Kloster. Neben ihrer schriftstellerischen Tätigkeit entfaltete sie eine reiche Korrespondenz mit vier Päpsten, vielen Kirchenfürsten und Konventen. Auch vier Briefe an Kaiser Barbarossa sind uns erhalten. Als der Kaiser nicht aufhörte, Gegenpäpste aufzustellen und dadurch ein 18-jähriges Schisma herbeiführte, schrieb Hildegard an Kaiser Barbarossa: „Der da ist, spricht: Die Widerspenstigkeit zerstöre ich, und der Widerspruch derer, die mir trotzen, zermalme ich durch mich selbst. Wehe, wehe diesem bösen Tun der Frevler, die mich verachten! Das höre, König, wenn du leben willst, sonst wird mein Schwert dich durchbohren!"

Durch die Gegenpäpste war die Christenheit in Unruhe geraten, die Zucht beim Klerus und in den Klöstern schwand. Nun war Hildegard nicht mehr zu halten. In ihrer Sorge um das Reich Gottes verliess sie ihre Klosterzelle und unternahm vier ausgedehnte Missionsreisen, nach Franken, nach Würzburg und Bamberg, rheinabwärts nach Köln, nach Trier und schliesslich nach Süddeutschland, wo sie überall in Klöstern und auf Marktplätzen predigte und Volk und Klerus zu Busse und Umkehr aufrief. Hildegard war so von Gott erfüllt, dass sie überall die Herzen erschüttern und zur Umkehr bewegen konnte. Hildegard war aber nicht nur für das geistliche Wohl ihrer Mitmenschen besorgt, sondern suchte auch den Kranken zu helfen. Sie schrieb ihre Medizinbücher, um die Menschen auf jene Heilkräfte aufmerksam zu machen, die Gott in die Natur gelegt hat.

Die Heilige Hildegard von Bingen starb am 17. September 1179 im Alter von 81 Jahren. Bei ihrem Tode erstrahlte ein helles Lichtkreuz am Himmel - ein Zeugnis dafür das sie das ‚lebendige Licht' schauen durfte. Sie, die einst den wunderbaren Satz geprägt hatte: „Die Schöpfung schaut auf ihren Schöpfer, wie die Geliebte auf ihren Geliebten", durfte nun heimkehren zum Vater des ewigen Lichtes.

St. Hildegard
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